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Holder Knabe im lockigen Haar

RELIGION / PHILOSOPHIE > Arbeiten zu theologischen Themen


JESUS, HOLDER KNABE IM LOCKIGEM HAAR ?

Beitrag zum Jesusbild anhand einer kritischen Betrachtung des Eltern-Kind-Konfliktes bei Jesus

Einleitung

Ich gehe davon aus, dass das gängige Jesusbild auch heute noch stark von  einer volkstümlichen Form von Weihnachten her geprägt ist. "Holder Knabe mit lockigem Haar" und "Oh  Jesulein süss, oh Jesulein zart" drücken eine pietistische Volksfrömmigkeit aus, die dem Bild Jesu im NT nicht unbedingt gerecht wird. Dieses süssliche Jesusbild entspringt einem kindlich-naiven Glauben, der insofern keine Probleme macht, als er unverbindlich ist und zu nichts herausfordert. In diesem Jesusbild steht die selbstgefällige Erbaulichkeit der sozial-ethischen Sprengkraft des Evangeliums gegenüber. Der "holde Knabe im lockigem Haar" lässt sich nach Weihnachten leicht wieder für ein Jahr in der Schublade versorgen. Und da das Osterbild mit dem Leiden Jesu und einer für viele Leute nach wie vor unverständlichen Auferstehung nicht so recht in dieses Klischee passen will, gibt es immer noch den niedlichen Osterhasen, der an diese unbequeme Stelle treten kann.  Der hat zwar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun, macht aber genauso keine Probleme wie das süsse Jesulein.

Vorgeschichte

Ich wollte dieses Jahr für einen Unterrichtsblock auf der ersten Sekundarstufe ein Frauenbild aus dem NT erarbeiten. Maria Magdalena schien mir wegen ihrer Herkunft diesbezüglich nicht ganz stufengerecht zu sein.  Maria, die Mutter Jesu bot sich da als unverfänglicherer Ersatz an, wenn  es gelang, die Frage der "Jungfrauengeburt" didaktisch elegant zu umschiffen. Jeder kennt Maria, auch ein Sekundarschüler, aber was wissen wir von ihr? Lässt sich aus protestantischer Sicht über Maria eine Unterrichtseinheit zusammenstellen? Sicher musste das Thema Richtung  "Mutter eines aussergewöhnlichen Kindes" gehen. Aber was war über Maria zu finden, was über ihre Beziehung zu Jesus? Ich machte mich also auf  die Suche.

Das NT erwähnt Maria relativ spärlich. Zwar immer noch häufiger als Joseph, aber doch ... Wir finden im  Matthäus- und im Lukas-Evangelium die Weihnachtserzählungen. Lukas bringt einen längeren, Matthäus einen kürzeren Empfängnis-Priolog. Nach der Geburt und der Flucht nach Ägypten wird es bei Matthäus ruhig um Jesus bis zur Jordantaufe. Lukas überliefert die Beschneidung im Tempel und den Zwölfjährigen im Tempel, wo auch  die Eltern anwesend sind. Damit sind die Kindheitserzählungen im Kanon des NT abgeschlossen.

Im Markus-Evangelium treten seine Mutter und seine Brüder - von Joseph ist nicht mehr die Rede - nochmals auf, als Jesus schon mitten in seinem Wirken und Lehren steht (Mk 3,20-21.31-35), dann ist fertig. Die entsprechende Stelle steht bei Matthäus im Kapitel 12,46-50 und bei Lukas  im Kapitel 8,19-21. Als Sondergut des Johannes-Evangeliums tritt uns die Mutter Jesu erstmals in der Hochzeit von Kana entgegen (Joh 2, 1-10) und schliesslich ein letztes Mal unter dem Kreuz (Joh 19, 25-27).

Bei der Durchsicht der vorhandenen Bibelstellen zu Maria war mir bald  einmal klar, dass man von Maria nur über ihre Beziehung zu Jesus reden  konnte. Ich versuchte mein Glück noch in den Apokryphen . Im  Protevangelium des Jakobus  fand ich recht ausgedehnte Passagen über die wunderbare  Geburt Marias, ihre Hinführung zum Tempel, die Vermählung mit Joseph und  die Verkündigung. Der eindeutige Schwerpunkt lag aber auf der Jungfräulichkeit Marias, die dort auch recht handgreiflich bezeugt wird. Bei den  einführenden Erzählungen überkam mich das Gefühl des "déjà vu", ein Muster von Empfängnis, das seit Abraham und Sara (Gen 18,10-15) in der Bibel immer wieder auftritt. Die Jungfräulichkeit Marias war das Thema, auf das ich mich sicher nicht einlassen wollte. In den  Kindheitserzählungen des Thomas  fand ich viele bunt zusammengewürfelte Erzählungen aus  der Kindheit Jesu, die starke Parallelen zu Buddha- oder Krishna-Legenden aufweisen. Von der Mutter ist hier kaum die Rede, dafür mehr vom Vater. Der Ton ist allerdings auch nicht sehr liebevoll oderfreundlich. Joseph  akzeptiert das eigenartige, brüskierende Verhalten des Kindes, dem dämonische Kräfte nicht fehlen, nicht. Wenn der kleine Jesus zu ihm sagt:  "Es muss für dich genug sein, es ist dein Los, das nicht zu ändern ist, zu suchen und trotzdem nicht zu finden, ohne Verständnis zu bleiben  ...", so ist ein Punkt erreicht, bei dem ich im Bezug auf das Verhältnis  Vater-Sohn zumindest nachdenklich werde, auch wenn mir solche Aussprüche von pubertierenden Schülern durchaus geläufig sind.

Aus heutiger Sicht wirkt das Verhalten Jesu in den Kindheitsevangelien selbstherrlich und zum Teil dämonisch. Sicher sind in diese Erzählungen Vorstellungen von Durchsetzung von Recht und Ordnung im Sinne der damaligen Zeit verwoben. Sicher sind sie auch eine Vorwegnahme und vielleicht sogar Legitimation späterer Wundertaten. Jedenfalls animierten mich diese Erzählungen und die Spärlichkeit handgreiflicher Quellen zu Maria, das Thema "Maria" dahingehend abzuändern, als ich jetzt aus den  Erfahrungen von Maria mit ihrem Kind - unter Beschränkung auf die neutestamentlichen Quellen - versuchen wollte, ein nicht alltägliches Jesusbild zu zeichen. Dabei darf ich mir nicht anmassen, zu sagen, das "ist" Jesus, dazu sind die Quellen zu spärlich, aber in der Reflexion über unser Jesusbild müsste dieser Aspekt sicher mit einbezogen werden. Ich bin überzeugt: Auch wenn diese Erzählungen keine historischen Berichte über  eine Mutter-Sohn-Beziehung sind, zeigen sie im Kern doch eine Eigenheit  im Wesen Jesu.

Maria, die Mutter eines aussergewöhnlichen Kindes (Luk 1, 26ff)

Die Verkündigungserzählung des Lukas lehnt stark an die Messias-Prophezeiung des Daniel an, bis zur Formel "... bewahrte die Mitteilung  im Herzen" (Dan 7,28). Der Engel der Verkündigung ist Gabriel, der Engel der Straf- wie der Gnadenbotschaft. Dadurch gewinnen seine Worte: "Und  siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären ..." in den Ohren jüdischer Zuhörer ein besonderes Gewicht. Die Mitteilung ist eine Frohbotschaft! "Sei gegrüsst (du Begnadete)" heisst in griechischen Urtext "chaire", "Freue dich!".

Sicher hat Maria sich über ihren künftigen Sohn gefreut, wie das wohl  jede Mutter tut. Auch die Verheissung, ein aussergewöhnliches Kind zu  gebären, ist nicht aussergewöhnlich, denn für jede Mutter ist  i h r  Kind etwas Aussergewöhnliches. Etwas belastender dürfte die Tatsache gewesen sein, dass ihr Verlobter offensichtlich nicht der Vater war.

Wie sollte das Kind in den Mutterleib kommen, ohne den befruchtenden männlichen Samen? War vielleicht sogar Ehebruch im Spiel? In dieser Situation ist es Joseph hoch anzurechnen, dass er seine Frau nicht verlassen hat. Die Engelsbotschaft an Joseph kann auch als inspirierende Eingabe verstanden werden. Aber die Jungfernzeugung steht nicht so einsam  da, wie gemeinhin angenommen wird, auch wenn sie kein Regelfall ist. Sie  wird schon in der Vereinigung der Engel ("Gottessöhne") mit den Menschen  in Gen 6,1-4 angesprochen  und entspricht dem alten mythologischen Bild der Menschwerdung eines Gottes. Das dürfte auch Joseph bekannt gewesen  sein. Und doch: Das Problem liegt nicht darin, Vater oder Mutter eines aussergewöhnlichen Kindes zu werden, als vielmehr darin, Vater oder Mutter eines aussergewöhnlichen Kindes zu sein.

Der Zwölfjährige im Tempel (Luk 2, 41-52)

Mit 12 Jahren darf Jesus seine Eltern erstmals nach Jerusalem zum Passah-Fest begleiten. Diese grösste Fest des jüdischen Festkreises wird  im Frühling gefeiert und erinnert an die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Fron durch die Hand Gottes. "Passah oder hebr. Pessach" bedeutet "das Vorübergehen" und meint die letzte der Plagen, der Tod der Erstgeborenen, die an den Israeliten vorüberging, weil sie ihre Türpfosten mit Lammblut bestrichen hatten. Mit Passah-Lamm und dem stellvertretenden Opfertod werden natürlich auch christliche Motive angesprochen und es ist deshalb kein Zufall, dass Jesus im Zusammenhang mit diesem Fest erstmals "an die Öffentlichkeit" tritt. Zudem steht er mit 12 kurz  vor der Bar Mizwa, seiner religiösen Mündigkeit.

Nach der Pilgerfahrt begeben sich die Eltern wieder auf den Heimweg. Jesus ist nicht bei ihnen, aber sie gehen, wohl im Vertrauen, er werde schon irgenwo im Pilgerzug bei den Verwandten sein. Als sich am Abend  herausstellt, dass Jesus nicht da ist, kehren die Eltern nach Jerusalem  zurück, um ihn zu suchen. Schliesslich finden sie ihn im Tempel bei den Schriftgelehrten, wie er mit ihnen diskutiert.

Wenn man die Angst bedenkt, die die Eltern ausgestanden haben und das  Ungemach der Rückkehr, ist es verständlich, wenn sie einigermassen aufgebracht sind. Wer seinen Zögling einmal zwei Stunden lang im Shopping- Center in Spreitenbach gesucht hat, um ihn dann an einem Flipperkasten im Tivoli zu finden, kann diese Gefühle nachempfinden. Zur Rede gestellt  antwortet Jesus zuerst einmal (nach der Zwingli-Übersetzung): "Warum  habt ihr mich gesucht?" (2,49a). Diese Frage in dieser Situation von meinem Sohn an mich gerichtet würde wohl potenziell eine Ohrfeige provozieren. Mit dem zweiten Satz: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?" (2,49b) verpasst er dem dabeistehenden Joseph eine verbale Ohrfeige, indem er ihn recht unsanft daran erinnert, dass ja er  gar nicht sein richtiger Vater sei. Man mag dazu stehen, wie man will,  von sehr viel Taktgefühl kann hier nicht die Rede sein. Insofern reiht sich diese Erzählung nahtlos in die Kindheitserzählungen des Thomas ein,  von wo sie auch entnommen wurde. "Und sie verstanden das Wort nicht, das  er zu ihnen sagte" (2,50). Dieses Nichtverstehen drückt die Ratlosigkeit der Eltern aus: Was sollten sie von diesem Jesus halten, der doch ihr Sohn ist?

Natürlich verfolgt Lukas mit dieser Erzählung ein kerygmatisches (gr. Kerygma = Verkündigung) Anliegen, aber die Ungeheuerlichkeit des Ausspruches gegenüber dem Mann, der 12 Jahre lang für den Unterhalt und das Wohlergehen des Kindes gesorgt hat, das nicht sein eigenes war, bleibt. Vielleicht ist sie unter  dem Aspekt der Ablösungstendenz, die Jesus gegenüber seinen Eltern schon sehr früh gezeigt hat, zu sehen. Wenn wir den Erzählungen aus der Kindheit Jesu einen bestimmten Wahrheitsgehalt beimessen, was wir - folgende Beispiele werden das untermauern - ruhig tun dürfen, so stimmt dieses  Verhalten Jesu gegenüber seinen Eltern doch nachdenklich.

Von Maria steht nun: "Und seine Mutter behielt alle seine Worte in ihrem  Herzen" (2,51b). Hier kann es sich nicht um ein demütiges Sammeln von  Jesusworten handeln. Das hebräische Wort, das von Dan 7,28 entlehnt ist,  und den Wortstamm "nzr" beinhaltet, meint neben "bewahren" auch "verstecken" (bis die Zeit reif zur Offenbarung ist). Ich kann in Zusammenhang mit Maria in dieser Situation nichts mit diesem Satz anfangen. Sie klingen wie ein redaktioneller Nachsatz. Ich bin überzeugt, dass ihr die  Worte Jesu und sein Verhalten schwer zu schaffen machten, dass sie vielleicht Tag und Nacht über das nachdachte, was ihr da widerfahren war und das sie nicht verstand. Die gleiche Wortfolge steht schon in Lukas 2,19  mit dem Zusatz "... und erwog sie ...". Luther übersetzt dieses "erwog"  mit "bewegte". Das käme dem Sachverhalt des "Gedankenwälzens" schon näher.
  
Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-10)

Von der Chronologie des Johannes her kommt diese Erzählung ganz an den Anfang vom Wirken Jesu zu stehen. Kana liegt nur wenige Kilometer von Nazaret entfernt. Wohl hat die Erzählung kerygmatischen Charakter und will Jesus als Wundertäter einführen. Aber in der Art des Erzählstils wirkt diese Erzählung sehr archaisch. Es ist eine eigenartige Erzählung,  die irgendwie nicht aufgeht.

Der Hochzeitsgesellschaft ist der Wein ausgegangen. Für ein grosses jüdisches Fest, wie es eine Hochzeit ist, und das in der Regel eine ganze  Woche dauert, ist das eine grössere Katastrophe. Maria ist offenbar in  dem Haus nicht ganz fremd und sie macht Jesus, der auch eingeladen ist, auf diesen Umstand aufmerksam. Die Antwort von Jesus ist zumindest bemerkenswert, wenn nicht gar bis zu einem gewissen Grad unsinnig: "Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen"  (2,4). Die Mutter wendet sich ohne weitere Reaktion den Dienern zu: "Was er euch sagen wird, das tut!" (2,5b). Entweder hat die Mutter nicht gehört, was Jesus gesagt hat, oder sie ist schon so an diesen Umgangston  gewöhnt, dass sie ihn gar nicht mehr beachtet. Jesus verwandelt nun sechs Krüge Wasser zu 2-3 Bath (je 72-108 Liter) in vorzüglichen Wein. Wieso er das trotz der abweisenden Antwort tut, bleibt undurchsichtig.

Sehen wir einmal davon ab, dass Jesus hier als eine Art Magier gezeichnet wird, eine Vorstellung mit der ich in meinem Jesusverständnis meine  liebe Mühe habe! Beschränken wir uns auf die Zwiesprache zwischen Mutter  und Sohn: Die griechische Anredeform "gynai " (= Vokativ) heisst "Frau" und ist keine gebräuchliche Anrede für eine Mutter. Nach dem, was wir bisher von der Beziehung Mutter-Sohn wissen, kann das eigentlich nur bedeuten, dass Jesus sich auf Distanz zu seiner Mutter hält. Dieses "gynai" hat zwar nicht  den despektierlichen Unterton, den das deutsche "Weib" heute hat, aber  es drückt doch eher eine kühle Mutter-Sohn-Beziehung aus. "Was habe ich mit dir zu schaffen" müsste aus dem Griechischen mit "Was ist mir und  dir" übersetzt werden. Auch diesen Satz verstehe ich als Abgrenzung.  Mertens biegt ihn - auf eine Erzählung von Pfr. Bolsinger aus Neuburg  (Untermarchtal) - so weit ab, dass aus der distanzierenden Frage eine zusagende Beteuerung wird im Sinne von: "Sei unbesorgt, ich werde das erledigen". Ich kann den Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht prüfen, aber  im Kontext gesehen, scheint mir diese Schlussfolgerung doch fragwürdig.

Das "meine Stunde ist noch nicht gekommen" passt auch nicht richtig in  diesen Kontext. Hier könnte es sich um einen redaktionellen Einschub handeln, der die kerygmatische Absicht des Textes unterstreicht. Da aber im griechischen Urtext die Interpunktion fehlte, könnte es sich auch um eine Frage handeln. Nur macht mir das den Zusammenhang mit der Aussage  gegenüber der Mutter auch nicht klarer.

Die wahren Verwandten Jesu (Mk 3,20.21.31-35)

Jesus stand schon mitten in seiner Heil- und Lehrtätigkeit. Man könnte  meinen, er sei nun "etabliert", seine Heilerfolge und der Zulauf zu seinen Predigten haben ihn als den legitimiert, als der er auch in unserem Bewusstsein in Galiläa auftrat (als Wanderprediger (Rabbi) mit einem Bewusstsein eines göttlichen Auftrages). Aber die Seinen, und darunter verstehe ich seine Familie, scheinen ihn verfolgt zu haben, um ihn an seiner Verkündigunsarbeit zu hindern, um ihn nach Hause in sicheren Gewahrsam zu holen. "Als die Seinigen das hörten, gingen sie aus, um sich seiner zu bemächtigen" (Mk 3,21a).

Hier muss eine kurze Überlegung eingeschoben werden. Die "Seinen" werden  später (Mk 3,31) als "seine Mutter und seine Brüder" bezeichnet. Nun hat  das Wort "Bruder" im Hebräischen eine sehr weitgefasste Bedeutung, die  nicht einmal unbedingt eine Verwandtschaft voraussetzt. Deshalb die Frage: "Hatte Jesus leibliche Geschwister?" Das katholische Dogma von der  "Unberührtheit Marias" schliesst aus, dass Maria ausser Jesus noch weitere Kinder gehabt hat. Das ist aber im Rahmen der jüdischen Gesellschaftsnormen kaum denkbar. Dann gäbe es noch die Möglichkeit, dass Joseph als Witwer Kinder in die Ehe gebracht haben könnte, die Brüder wären dann also Stiefgeschwister Jesu gewesen.

Nun bedeutet aber das hebräische "ha'alma", das auf Jes 7,14 Bezug nimmt,  "heiratsfähiges Mädchen", "jungverheiratete Frau" oder einfach "junge Frau". Dies wurde im Griechischen übersetzt mit "parthenos", was ursprünglich die gleiche Bedeutung hatte wie im Hebräischen, später aber  eingeengt wurde auf die Bedeutung "die von einem Manne Unberührte". Man kann also aus dem NT die Jungfrauengeburt auch in Frage stellen (Lk  3,23; Joh 1,45; Joh 6,42).

Das Fehlen der Jungfrauengeburt im ältesten Evangelientext legt die Annahme nahe, dass den Urchristen diese Jungfrauengeburt gar nicht wichtig  war, ja, dass diese Jungfrauen-Legende, die der griechischen Vorstellungswelt entspringt, erst später, unter dem Einfluss leibesfeindlicher  gnostischer Strömungen entstanden ist oder zumindest Wurzeln gefasst  hat. So können wir ruhig davon ausgehen, dass Jesus wirklich Geschwister  hatte: Jakobus (Mt 13,55), der später die Leitung der Gemeinde in Jeru¬ salem übernahm (Apg 12,17), Judas (Jud 1,1), von dem der Judasbrief  stammt, Joseph (oder Joses) und Simon. Auch Schwestern waren dabei, die  sind aber nicht namentlich erwähnt.

Nun zurück zu unserer Bibelstelle Mk 3,21a. Offensichtlich passt die  Verwandtschaft auf Jesus auf, dass er "keinen Unsinn" macht, denn  schliesslich steht der Ruf einer Familie auf dem Spiel. Jesus scheint ihnen aber entkommen zu sein. Der Ausruf: "Er ist von Sinnen!" (Mk 21b)  drückt eine gewisse Ratlosigkeit und missbilligende Anteilnahme aus. So  gerne man über diese Stelle hinwegliest, so zeigt sie doch in einem Anflug unreflektierter Eingebung, dass Jesus seiner Verwandtschaft einige  Mühe bereitete. Nun mag man einwenden, dass dieses Problem alle grossen Männer haben, die von ihrer näheren Mitwelt in der Regel nicht verstanden werden. "Kein Prophet ist gut aufgenommen in seiner Vaterstadt" (Lk  4,24b). Aber die Umschreibung: "Der spinnt!" ist doch eine starke Erschütterung eines pietistischen Jesusbildes. Bezeichnenderweise ist diese Stelle von den anderen Evangelisten nicht übernommen worden, aber die  nächste, die ich noch ansprechen möchte, finden wir auch bei Matthäus  und Lukas.

In Markus 3, 31-35 wird eine Episode geschildert, wie Jesus inmitten des  Volkes lehrt. Ganz dicht sitzen sie um ihn herum. Die Mutter und seine  Brüder kommen, wohl wieder einmal, um ihn heimzuholen. Sie lassen ihn  rufen, da sie nicht zu ihm gelangen können. Die Nachricht wird übermittelt: "Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draussen suchen dich" (3,32b). Es ist anzumerken, dass in Vers 31 die Schwestern noch nicht erwähnt werden. Jesus aber antwortet ihnen: "Wer sind  meine Mutter und meine Brüder?" (3,33b). Wie schon Joseph beim Zwölfjährigen im Tempel, ist es nun Maria, die als Mutter verleugnet wird, die, wenn wir den Terminus nochmals verwenden wollen, eine "verbale Ohrfeige"  bekommt. Auch wenn wir den kerygmatischen Nachsatz lesen: "Und indem er ringsumher die um ihn Sitzenden ansieht, sagt er: Siehe,  d a s  sind  meine Mutter und meine Brüder" (3,34), der noch durch den erklärenden  Beisatz ergänzt wird: "Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter" (3,35), ist die Aussage Jesu gegenüber seiner Mutter doch - gelinde gesagt - ein Affront. Jedenfalls ist das wohl eher nicht ganz das Verhalten eines gesetzestreuen jüdischen Sohnes (Ex  20,12) und schon gar nicht eines "süssen, zarten Jesuleins".

Maria und Johannes beim Kreuz (Joh 19, 25-27)


Nach all diesen doch eher anstössigen Szenen gelangen wir an den Schluss der Erzählung über Jesus. Hier, mitten im Passionsgeschehen erscheint  die Mutter nochmals in unserem Blickfeld. Sie steht mit Johannes, dem  Lieblingsjünger Jesus unter dem Kreuz. Zwar ist mangels synoptischer Parallelen die Historizität dieser Szene nicht verbürgt, aber selbst wenn sie "nur" symbolischen Charakter hat, bin ich geneigt zu glauben, dass sie doch an den Kern der Sache rührt.

Die Worte, die Jesus zu den beiden spricht, sind die drittletzten vor seinem Tod, fast könnte man sagen, sein letztes Testament. Zu seiner  Mutter gewendet sagt er: "Weib, siehe, dein Sohn!" (19,26b), und zu Johannes gewendet: "Siehe, deine Mutter!" (19,27a) Zwar findet Jesus auch in seiner Todesstunde nicht zu einer vertrauten Anrede für seine Mutter, aber die Geste, die er vom Kreuz herab zeigt, ist doch als letzte, versöhnende Liebestat zu werten. Sicher überlässt Jesus seine Mutter nicht  aus materiellen Gründen seinem Lieblingsjünger, denn die Söhne, denen die Aufgabe zukommt, für die Mutter zu sorgen, sind ja noch am Leben. Aber vielleicht will er ganz bewusst seine Mutter in der Obhut dessen wissen, der ihm in der Zeit seines Wirkens am nächsten stand.

Zusammenfassend

Der "lächelnde, holde Knabe im lockigen Haar" aus dem volkstümlichen  Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" entpuppt sich bald schon als ein eher schwieriges Kind  mit ausserordentlichen, okkulten Fähigkeiten. Auch später noch wird ihm in den synoptischen Evangelien seitens der Schriftgelehrten ein Bund mit  dem Teufel vorgeworfen (Mk 3,22). Seinen Eltern ist er ein dauerndes  Problem. Sie verstehen ihn nicht und die Distanz zu ihm wird zunehmend  grösser. Leider verschwindet Joseph bald aus dem Blickfeld. Ist er schon  verstorben? Die Mutter Jesu aber tritt bis zum Ende in Erscheinung, spärlich zwar, aber immerhin. Die Erzählungen über die Mutter-Sohn- Beziehung von Jesus und Maria im NT folgen einer inneren Logik. In der Erzählung vom Zwölfjährigen im Tempel zeigen sich erste Ablösungstendenzen. Die Sache endet damit, dass "er ihnen untertan" (Lk 2,51a) ist,  sich also nochmals den Eltern unterordnet, wie es damals in Israel üblich und dem Alter entsprechend angemessen war. Bei der Hochzeit in Kana  wird die Ablösungstendenz schon deutlicher, bei der Erzählung von den wahren Verwandten ist sie komplet und kulminiert im Ausspruch. "Er ist  von Sinnen!" (Mk 3,21b) Das gegenseitige Sich-nicht-verstehen, in dem  die Mutter offenbar nicht alleine dasteht, erreicht den Gipfelpunkt.

Jesus war für seine Umgebung ein schwieriger und unbequemer Mensch. Das  bezeugt auch, dass er aus seiner Heimatstadt Nazaret vertrieben, ja, um ein Haar getötet worden wäre (Lk 4,28-29). Das zeigen auch seine spitzen  Auseinandersetzungen mit den Obrigkeiten und der religiösen Führungsschicht seiner Zeit. Jesus hat viel "bewegt", nicht nur im Herzen seiner Mutter! Schliesslich war wohl der Grund für seine Kreuzigung die Tatsache, dass er für seine Zeit etwas zu viel in Bewegung gebracht hat. Ob  er sich nun als Messias (Heiland, Erlöser) betrachtet hat oder nicht, muss wohl offen bleiben. Dass sein Ende absehbar war, hat wohl auch Jesus gemerkt. Umso bemerkenswerter scheint mir die Standhaftigkeit, mit der er seinen Weg zu Ende gegangen ist. Ganz aussergewöhnlich ist aber die Tatsache, dass aus dem, was er "bewegt" hat eine "weltumspannende Bewegung" geworden ist,  die auch heute nicht ruht, die bohrt, hinterfrägt, anklagt, aufzeigt,  herausfordert ... und weltweit vielen Menschen so unbequem ist, wie Jesus zu seiner Zeit für die Leute um ihn herum unbequem war. Nein, "holder Knabe im lockigem Haar" scheint mir den Kern der Sache nicht  ganz zu treffen!

Quellen:
LUTHER - BIBEL Würtemberg 1968
ZWINGLI - BIBEL Zürich 1961
BREMER HANDKONKORDANZ Gotthelf 1987
OLD TESTAMENT HEBREW-ENGLISH London 1970
Feyerabend TASCHENWÖRTERBUCH HEBRÄISCH Langenscheid 1969
Jenni/Westermann THEOLOGISCHES HANDWÖRTERBUCH TVZ 1984
Coenen u.a. THEOL.BEGRIFFSLEXIKON ZUM NT Brockhaus 1990
Weidinger DIE APOKRYPHEN Pattloch 1990
Mertens HANDBUCH DER BIBELKUNDE Patmos 1984
Koch u. a. RECLAMS BIBEL - LEXIKON Reclam 1982
KNAURS GROSSER BIBELFÜHRER Ex Libris 1987  10 

Werner Keller, Religionslehrer, Gartenweg 4, 8968 Mutschellen
Theologie für Erwachsene, 1.Jahr, Arbeit 1 zum NT
                 Mutschellen, 18. Juni 1992

 
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